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Verhaltensforscher erstellt Gutachten zu Krefelder Schimpansen

Gutachten zu Krefelder Schimpansen : „Die Tiere sind in sehr guter Verfassung“

Im Internet wird die Unterbringung der Affen Bally und Limbo scharf kritisiert. Doch ein Verhaltensforscher bewertet die gute Betreuung als wichtiger und warnt vor einer überstürzten Umsiedlung.

„Die Zustände sind schockierend“, moniert Adrienne Kneis die Unterbringung der beiden Schimpansen Bally und Limbo im Krefelder Zoo. Deshalb hat die Tierschützerin im Internet auf einem Petitionsportal (www. change. org) einen Aufruf gestartet. Die beiden Affen sollen an eine speziell ausgestattete Auffangstation in England überführt werden. Mittlerweile haben über 34.000 Menschen den Aufruf im Netz unterstützt.

Hintergrund der mangelnden Unterbringung ist der Brand des Affenhauses zu Beginn des Jahres 2020. Bally und Limbo hatten das Unglück überlebt. Da das Affenhaus nicht mehr existiert, mussten die beiden Tiere in einer Notunterkunft Aufnahme finden.

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Rückendeckung bekommen die Kritiker von der Organisation „Pro Wildlife“. Diese rechnet vor, dass laut Bundeslandwirtschaftsministerium ein Raum von 800 qm für vier Affen plus einem Außengehege vorgesehen sei. Bally und Limbo hingegen hätten lediglich einen Raum von 155 qm ohne ein Außengehege zur Verfügung. 

Doch so eindeutig, wie die Kritiker die Situation darstellen, ist sie aus Sicht der Zooleitung keineswegs. Bis Ende 2020 waren die verletzten und traumatisierten Affen gar nicht transportfähig. Sie mussten nicht nur medizinisch, sondern auch psychisch betreut werden. Dazu waren die vertrauten Pfleger unabdingbar, die ihre Schützlinge seit vielen Jahren kennen und von ihnen zur „Gruppe“ gezählt werden. Überdies ist es gar nicht einfach, Menschenaffen in eine fremde Gruppe zu integrieren. Dazu müssen die Persönlichkeiten und der soziale Rang der hochentwickelten und intelligenten Tiere zueinander passen. Erschwerend kommt hinzu, dass die beiden Krefelder Affen bereits 46 und 27 Jahre alt sind und sich demnach mit dem Einfügen in eine fremde Gruppe eh nicht mehr leicht tun. Ebenso müssen die biologischen Verwandtschaftsgrade einer neuen Gruppe abgeklärt werden, damit keine Inzucht aufkommt.

Über all diese Aspekte steht der Krefeder Zoo mit den Verantwortlichen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) im Austausch.

Zusätzlich hat die Zooleitung den Präsidenten des renommierten Jane Goodall-Institutes, Patrick van Veen, eingeschaltet. Der Verhaltensforscher kam nach Krefeld und hat Bally und Limbo am 12. Januar begutachtet. Sein Urteil: „Die Tiere sind in sehr guter psychischer und physischer Verfassung“.

Vor einer Überführung in ein anderes Heim kann der Primatologe nur warnen: „Auch wenn es derzeit keine äußeren Anzeichen für ein Trauma gibt, kann das Herausreißen aus dem stabilen sozialen Umfeld, ein Transport und die Integration in eine neue Gruppe dazu führen, dass traumatische Erfahrungen bei den Tieren erneut aufbrechen. Es muss also die beste Lösung gefunden werden und nicht nur irgendeine.“

Auch van Veen moniert die räumliche Unterbringung der Affen. Deshalb dürfe diese kein Dauerzustand bleiben. Doch sei die soziale Fürsorge, die die Affen in Krefeld erfahren, für ihr Wohlergehen wichtiger als der Raum. Van Veen: „Die Stabilität und der enge Kontakt zu den bekannten Zoomitarbeitern und deren gute Fürsorge ist zum jetzigen Zeitpunkt entscheidender als Quadratmeter.“

Der Zoo indes arbeitet an einer Lösung für die langfristige Unterbringung.

Die von den Kritikern vorgeschlagene Station in England wurde als „unzureichend“ verworfen, weil Bally und Limbo dort nur einem Affenmännchen zugeordnet werden würden und dadurch Konflikte drohen. Statt dessen prüft der Zoo mit Architekten, wie in Krefeld übergangsweise ein Außengehege für die beiden Affen angelegt werden kann. Langfristig würden die Affen dann in dem geplanten Affenpark ein Zuhause finden.

Alternativ könnte die Zukunft der Affen auch in einem anderen Zoo liegen, was vom EEP wissenschaftlich untersucht wird. Einen Transport der Affen vorzubereiten, dauert allerdings Monate und wird durch die Corona-Situation noch erschwert. Zoodirektor Dr. Wolfgang Dreßen: „Wenn sie umgesiedelt werden sollen, kann das nur geschehen, wenn tatsächlich Garantie für eine Verbesserung ihrer Lebensqualität besteht – und diese manifestiert sich nicht nur räumlich“.