1. Krefeld

Hohe Energiepreise und Zukunftssorgen: Das Jahr 2022

Jahresrückblick : Hohe Energiepreise und Zukunftssorgen: Das Jahr 2022 in der Retrospektive

Durch hohe Beschaffungskosten, gestiegene Netzentgelte und erhobene CO2-Preise stiegen die Energiepreise 2022 schlagartig. Sowohl Unternehmen als auch Privathaushalte erleben eine deutliche Belastung und die Aussicht auf eine Rezession verunsichert viele.

Für Privathaushalte, aber auch für Unternehmen sind die Ausgaben in nahezu allen Bereichen als Folge der hohen Inflation drastisch gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug die Inflation im Oktober 10,4%. Das ist die höchste gemessene Inflationsrate seit den Nachkriegsjahren.

Als Auslöser dieser Inflation lassen sich zwei Kernursachen ausmachen. Zum einen ist sie eine der Folgen des Konjunktureinbruches während der Coronapandemie. Die weltwirtschaftliche Konjunktur hat sich von diesem Einbruch noch nicht erholt und gestiegene Preise sind das Fazit dieser Entwicklung. Sie wurde aber von dem Gesetzgeber vorhergesehen und deshalb wurden schon im März ein Steuerentlastungsgesetz beschlossen, um Privathaushalte zu entlasten.

Ölpreis als Inflationstreiber

Der wahrscheinlich gravierendere Grund für den drastischen Inflationsanstieg ist in der weltpolitischen Lage zu sehen. Durch Krieg und Wirtschaftssanktionen verdreifachte sich der Gaspreis seit Jahresbeginn. Diese Preissteigerung erhöht auch die Nachfrage nach Kohle und Erdöl, denn Öl und Kohle werden so als Brennstoff für beispielsweise Kraftwerke wieder attraktiver. Die erhöhte Nachfrage nach Öl, gerade in Kombination mit der Absicht der Organisation Erdöl exportierender Staaten (OPEC) und deren Partner weniger Öl zu fördern, lässt die Preise anziehen.

In den vergangenen Wochen hat sich der Ölpreis durch die Entwicklungen der Coronapandemie in China zwar erholt, immer neue Lockdowns senken dort die Nachfrage nach Öl, aber diese Entwicklung wird voraussichtlich nicht von Dauer sein. Denn selbst wenn die chinesische Regierung an der strengen Gangart im Umgang mit der Coronakrise festhält, wonach es momentan aussieht, ist diese Entwicklung eher ein kurzes Aufatmen und die Krise nur verschoben.

Denn im Dezember 2022 treten die europaweiten Sanktionen gegen die russische Rohölproduktion in Kraft. Experten schätzen, dass durch die Sanktionen der G7 im kommenden Jahr etwa 1,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag auf dem Markt fehlen werden. Für die Entwicklung der Preise wird es nötig sein, zu sehen, in welcher Form die Ölpreisobergrenze erfolgt und ob Russland diese umgehen kann. Denn sollte das geschehen, wird der Marktpreis wieder sinken.

Doch unabhängig von den zukünftigen Entwicklungen hat der instabile Ölpreis die Inflation dieses Jahr vorangetrieben. Gemeinsam mit den erhöhten Preisen von Gas und Kohle steigen die Produktionskosten für viele Güter durch den erhöhten Ölpreis enorm. Ebenso steigen die Lieferkosten, da der Ölpreis die Kosten von LKWs, Containerschiffen und Flugzeugen nach oben treibt. Diese Mehrkosten werden von den Unternehmen an die Kunden weitergegeben und belasten so zusätzlich die Verbraucher.

Hohe Energiepreise und Zukunftssorgen: Das Jahr 2022
Foto: Adobe Stock/BHT200
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Gas- und Strompreise steigen drastisch

Die Verbraucher müssen also zum einen erhöhte Preise bei Produkten des alltäglichen Bedarfs, als auch bei den eigenen Energiekosten stemmen. Dabei sorgen die Energiepreise allein schon bei den privaten Haushalten für deutliche Mehrbelastungen. Der Gaspreis bleibt wegen der Wirtschaftssanktionen gegen Russland weiterhin hoch, aber auch durch andere Faktoren sorgen für Mehrbelastungen. Beispielsweise stieg der Gas- und Strompreis schon im Jahr 2022 grundsätzlich durch erhöhte Netzentgelte.

Es sind aber nicht nur die Sanktionen gegen den weltweit größten Gasexporteur, die ein Problem sind. Lange Zeit war der Preis für Gas so niedrig und der Absatzmarkt so gesättigt, dass in vielen Ländern die Förderung von Gas eingestellt oder zumindest verringert wurde. Bis diese Förderstätten wieder hochgefahren sind, vergeht aber einiges an Zeit und kurzfristig ist der Bedarf nur schwer zu decken. Die Folge sind deutlich höhere Preise für Gas.

Der Strompreis stieg unter anderem auch deshalb so rasant an, da sich die Berechnung des Börsenpreises nach der teuersten Produktionsart richtet und da durch den Gasmangel diese Produktionsform deutlich teurer wurde, wurde der Strom ebenfalls teurer.

Aber Strom wird europaweit zunehmend zur Mangelware. Frankreich, eigentlich immer Stromexporteur, muss wegen seiner heruntergefahrenen Atomkraftwerke Strom dazukaufen, um seinen Bedarf zu decken. Immer mehr Kommunen bereiten sich deshalb auf Szenarien vor, bei denen Strom fehlt und es zu Blackouts kommt. Diese Verknappung lässt den Strompreis ebenfalls ansteigen.

Das führt zu einer etwas paradoxen Lage, in der der Strompreis steigt, weil die Stromproduktion durch Gaskraftwerke wegen des Gasmangels teurer wird. Gleichzeitig müssen die Gaskraftwerke aber unbedingt Strom produzieren, da in Europa ein Strommangel befürchtet wird. Dadurch fehlt mehr Gas und der Strompreis steigt weiter. Um aus der Spirale zu entkommen, muss entweder mehr Gas gehandelt werden oder die Stromproduktion kurz- bis mittelfristig deutlich gesteigert werden. Bis dahin werden aber deutliche Mehrbelastungen bleiben.

Diese Entwicklungen sind für viele privaten Haushalte zum Problem geworden und es ist davon auszugehen, dass die Konsumenten sich bei Ausgaben zurückhalten werden, da die Mittel fehlen beziehungsweise gespart wird.

Hohe Energiepreise und Zukunftssorgen: Das Jahr 2022
Foto: Adobe Stock/Drazen

Steuerliche Auswirkungen

Die Energiepreise stiegen auch deshalb, da die 2021 eingeführte nationale CO2-Bepreisung für den Emissionshandel dieses Jahr um 20% von 25€ auf 30€ pro Tonne gestiegen ist. Eine weitere Erhöhung und Ausweitung dieser CO2-Steuer wurde glücklicherweise vertagt, um die Bürger nicht noch weiter über Gebühr zu belasten.

Die CO2-Steuer war einer der wenigen Steuerbereiche, in denen die Steuern gestiegen sind, unter anderem auch die Tabaksteuer und der Besteuerungsanteil von Neurentnern. Meist hatte der Gesetzgeber ein Einsehen und hat die Steuerlast für die Bürger gesenkt.

So wurden für die Grundfreibeträge zum Jahresbeginn von 9.984€ auf 10.347€ erhöht. Der Grundfreibetrag ist die Grenze dessen, was jährlich verdient werden kann, bevor Einkommenssteuer gezahlt werden muss.

Um die kalte Progression abzufedern, wurde der Einkommenssteuertarif angepasst. Das bedeutet, dass höhere Löhne nicht höher besteuert werden, wenn sie lediglich im Rahmen der Inflation ansteigen. So soll verhindert werden, dass ein höherer Bruttolohn gezahlt wird, um die benötigte Kaufkraft zu sichern, aber durch steuerliche Mehrbelastung nun ein niederer Nettolohn übrigbleibt.

Nahende Rezession

Ob diese Hilfen aber ausreichen, um die gestiegen Preise auszugleichen, bleibt fraglich. Auch wenn sich die Stimmen mehren, dass die kommende Rezession wohl milder ausfallen wird als erwartet, sollten diese Einschätzungen mit Vorsicht bedacht werden. Denn selbst wenn die Prognosen nur noch düster und nicht mehr katastrophal sind, heißt das nicht, dass die Gefahr gebannt ist. Im Gegenteil für viele Unternehmen, die schon jetzt nur dank staatlicher Subventionen am Leben gehalten werden, wird das wahrscheinlich verhängnisvoll sein.

Allein im Oktober stieg die Rate der Insolvenzen in Deutschland um 18,4%. Die Statistik erfasst viele Fälle aber im Schnitt erst mit drei Monaten Verspätung. Viele Unternehmen rechnen damit, dass durch die Rezession ihr Geschäftsmodell unrentabel wird. Sei es entweder wegen gestiegener Kosten oder wegen ausbleibenden Kunden.

Denn nicht jedes Unternehmen ist in der Lage, die Kosten an die Verbraucher weiterzugeben. Ein in letzter Zeit prominentes Beispiel sind die Bäckereien. Die Verdreifachung der Energiepreise trifft sie besonders hart. Um sinnvoll zu wirtschaften, müssten sie ihre Preise deutlich nach oben anpassen. Die Verbraucher, die ja ebenfalls von Mehrbelastungen betroffen sind, würden dann aber meist zu billigeren Discountern oder Back-Shops wechseln. Für viele Bäckereien bleibt also nur der Weg in die Insolvenz.

Die Rezession wird nach optimistischen Stimmen mindestens zwei Jahre dauern, bis erste Anzeichen von Erholung sichtbar werden. Doch verspricht zumindest der Arbeitsmarkt resilient gegenüber dieser Entwicklung zu sein. Der aktuelle Mangel an Fachkräften wird aller Voraussicht nach dafür sorgen, dass von Kündigungen betroffenes Personal eine neue Beschäftigung findet. Solange das so bleibt, sind genaue Prognosen schwierig, denn eine Rezession mit hoher Inflation aber einem stabilen Arbeitsmarkt ist nicht gerade der Lehrbuchfall eines Konjunktureinbruchs. Letztendlich wird das Konsumverhalten der Verbraucher einen großen Einfluss darauf haben, wie stark die Rezession ausfallen wird.