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Nourallah und Hadil Alkarou: „Ja, wir sind Flüchtlinge, aber das war nicht unsere Entscheidung."

Nourallah und Hadil Alkarou : „Ja, wir sind Flüchtlinge, aber das war nicht unsere Entscheidung."

Nourallah und Hadil Alkarou leben mit ihrer zwei Monate alten Tochter Aaischa in einer Flüchtlingsunterkunft an der Wiesfurthstraße. Sie müssen sich ein neues Leben aufbauen. Eine Rückkehr nach Syrien würde den sicheren Tod bedeuten.

Hadil und Nourallah Alkarou führten ein gutes Leben in ihrer Heimatstadt Al Kamischly. Die frisch Vermählten planten ihre gemeinsame Zukunft, als der Krieg alles zerstört - und sie fliehen müssen.

Nourallah steht auf der schwarzen Liste des syrischen Regimes. Zum einen weil er als Agraringenieur für eine türkische Firma arbeitet, zum anderen weil er nicht zur Armee will: "Alle jungen Männer werden eingezogen. Aber ich will keine Menschen töten", erklärt er.

Seine Frau Hadil steht ebenfalls auf der schwarzen Liste. Sie hat Englisch studiert und ist an der irakischen Grenze für eine amerikanische Flüchtlingsorganisation tätig. Das syrische Regime wirft ihr vor, "mit den Amerikanern Pläne gegen Syrien zu schmieden". Vier Tage lange muss Hadil zur "Befragung" antreten. Was genau dort passiert, darüber schweigt sie, aber sie werde es nie vergessen - auch nicht, was ihrem Vater angetan worden sei und den zwei Kollegen, von denen bis heute jedes Lebenszeichen fehlt.

Bevor der fünfte Tag des Verhörs anbricht, verlassen Hadil und Nourallah Syrien über die türkische Grenze, fliehen übers Meer nach Griechenland. Das junge Paar will über die Balkanroute nach Holland. Dort hofft Nourallah als Agraringenieur schnell Arbeit zu finden. Doch obwohl die beiden ihre gesamten Ersparnisse von (umgerechnet) 7.000 Euro dabei haben, geht ihnen das Geld aus. "Wir haben nicht nur für uns viel Geld bezahlen müssen, wir haben auch einer Frau mit zwei kleinen Kindern geholfen", erzählt Hadil. Nach elf Tagen Flucht ist in Deutschland schließlich Endstation.

Über Dortmund und Kerken gelangen die beiden Ende 2015 nach Neukirchen-Vluyn. Von den Menschen vor Ort erfahren sie viel Unterstützung, doch an der deutschen Bürokratie verzweifeln sie. Erst vor vier Monaten erhalten beide, als Einzelpersonen bewertet, eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr. Die Angst nach dieser Zeit nach Syrien zurück zu müssen, ist groß, denn sie wissen: "Selbst wenn der Krieg vorbei wäre, wären wir dort nicht sicher."

Das junge Ehepaar will sich hier integrieren, selbst Geld verdienen; beide lernen daher fleißig Deutsch. Nourallah bräuchte, um in seinem Job arbeiten zu dürfen, allerdings die C1-Niveaustufe. Dafür müsse er viel üben, was nicht so leicht wäre, da es in der Unterkunft oft sehr laut sei.

Die Familie wohnt in einem kleinen, notdürftig eingerichteten Zimmer; Badezimmer und Küche teilen sie sich mit den anderen Bewohnern. Das Zusammenleben der vielen unterschiedlichen Kulturen sei schwer, die Gemeinschaftsräume wären häufig dreckig.

Vor zwei Monaten kommt die kleine Aaischa auf die Welt. Ein Wunschkind. "Wir wollten etwas haben, um das Leben wieder lieben zu können", versucht Hadil ihre Entscheidung, in dieser Situation schwanger zu werden, zu erklären und muss zugeben: "Wir haben es uns leichter vorgestellt, dachten wir hätten nach ein paar Monaten die Aufenthaltsgenehmigung und könnten dann hier ein neues Leben beginnen. Aber wie soll man in der Unterkunft ein Kind großziehen?"

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Doch die Wohnungssuche gestaltet sich schwierig: Aufgrund eines neuen Gesetzes muss die Familie in Neukirchen-Vluyn wohnen bleiben. Doch der Immobilienmarkt bietet nicht viele bezahlbare Möglichkeiten; bei Wohnungen, die in Betracht kommen, hat es bisher zunächst nur Absagen gegeben - nicht nur wegen der zeitlich begrenzten Aufenthaltsgenehmigung: "Manche sagen ganz direkt, dass sie keine Ausländer wollen", berichtet Noruallah: "Dabei gibt es überall gute und schlechte Menschen." Und seine Frau ergänzt: "Ja, wir sind Flüchtlinge, aber das war nicht unsere Entscheidung, das ist unser Schicksal. Wir hatten keine Wahl." Das größte Problem sei, dass die Leute denken, dass sie als Flüchtlinge den IS-Terror nach Europa gebracht hätten. "Dabei würde uns auch der IS in Syrien töten", entgegnet Hadil leise.

Nun hat die Familie einen Vermieter gefunden, der ihnen eine Chance geben möchte. Hadil und Nourallah sind erleichtert. Ihre Zukunft müsse in Deutschland sein. Sonst hätten sie keine.