1. Die Stadt

Krefeld: Brutalo zeigt neues Gesicht

Farbe für einen Totgeweihten : Brutalo zeigt neues Gesicht

Krefelds umstrittendstes Bauwerk in der Mitte der City, das Seidenweberhaus, wird Schauplatz und Thema einer spektakulären Street-Art-Aktion. Alle Bürger und Passanten können den Prozess mit verfolgen. Kontroverse Meinungen sind garantiert.

„Wir machen den Künstlern keine Vorgaben“, versichert Krefelds Marketingleiterin Claire Neidhardt, „nur die eine, dass es eine Auseinandersetzung mit dem Ort werden soll.“

Der Ort, das ist das umstrittendste Bauwerk der ganzen Krefelder City: das Seidenweberhaus. „Betonklotz“ und „Schandfleck“ sagen seine Verächter. Zeugnis der architektonischen Sachlichkeit der 70er Jahre, den man heute auch „Brutalismus“ nennt, sagen die Historiker.

Marode ist es auf jeden Fall und hat deshalb keine Zukunft mehr. „Bis Ende 2024 dürfen wir noch Veranstaltungen durchführen“, ruft Geschäftsführer Paul Keusch die Vorgabe der Stadt in Erinnerung. Danach soll eine neue Stadthalle eröffnet und das Seidenweberhaus abgerissen werden. 

Doch zunächst mal erwacht der Totgeweihte noch einmal zu quirligem Leben. Mitte Juli nämlich reisen Maler, Street-art-Künstler und Grafitti-Virtuosen aus ganz Europa sowie Amerika und Australien an. Sie sollen die graue Fassade des City-Monuments in eine farbige Augenweide verwandeln. „Das Haus bekommt in seiner Endzeit noch ein buntes Gesicht“, schmunzelt Keusch über eine gewisse Ironie der Geschichte.

„Alle zwei Jahre seit 2015 haben wir zu einer Street-Art-Gallery eingeladen“, stellt Claire Neidhardt die Aktion in den Zusammenhang. So gestaltete eine bunte Truppe von Malkünstlern schon das Gelände des Umweltzentrums am Hülser Berg wie zuletzt den alten Bunker am Hauptbahnhof in eine offene Bildergalerie. 

Nun also das Seidenweberhaus. „Wir kommen mit unserer Kunst mitten in die City“, betont die künstlerische Leiterin Frederike Wouters die neue Dimension. Das beflügelt die Auseinandersetzung der Bürgerschaft mit „ihrer“ City-Gestatung. 

Frederike Wouters schlägt gleich den Bogen zum aktuellen Beuys-Jahr. Der Krefelder Jahrhundertkünstler Joseph Beuys hatte Kunst doch zum „sozialen Prozess“ erhoben. So soll es auch bei der anstehenden Aktion zugehen. Die bunt gewürfelte Gruppe von 30 Künstlern aus aller Herren Länder muss sich trotz unterschiedlicher Sprachen über ein gemeinsames Projekt einig werden. Und das „Statement“, das sie zum Seidenweberhaus setzen, wird für jeden Passanten sichtbar sein und sie damit in die Diskussion einbeziehen. 

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„Ich bin sehr gespannt, was da entsteht“, freut sich Claire Neidhard erwartungsvoll. Vom 19. - 25. Juli werden die Künstler arbeiten. Gerüste und Hubwagen werden dafür sorgen, dass sie die gesamte Fassade bis unters Dach bestreichen können. Im Herbst sollen fachkundige Führungen fürs Publikum organisiert werden.

Das Seidenweberhaus „retten“ wird und soll all dies nicht. Aber die Debatte um eine zeitgemäße City-Gestaltung anregen hoffentlich schon.