Krefelder reisen in den Irak : Zerstörtes Land voller Hoffnung

Können wir Europäer das Lebensgefühl irakischer Verfolgter nachvollziehen? Eine Gruppe Krefelder unternahm den Versuch.

Bei diesem Reiseziel würde manchem von uns schummrig werden: Bürgerkriegsland Irak. Matthias Gehrt, Schauspieldirektor am Stadttheater, brach trotzdem mit einer Gruppe Krefelder Schauspieler und Künstler auf.


"Ich habe wenig Angst", zeigt sich nach der glücklichen Rückkehr Schauspielerin Eva Spott unbeeindruckt. Kollege Adrian Linke erinnert sich dennoch an manch "unangenehme" Situation, als beispielsweise am Checkpoint ein Soldat in die Luft schoss.


Aber Matthias Gehrt ist es gewohnt, unwirtliche Gegenden dieser Erde zu besuchen. Schon öfter hat der Regisseur in Afrika und anderen außereuropäischen Ländern Theaterspiele inszeniert. Aus dieser Leidenschaft entstand 2010 auch seine Reihe "Außereuropäisches Theater" in der Fabrik Heeder.


In der kommenden Spielzeit wird in seinem Auftrag die schweizerische Regisseurin Anina Jendreyko ein Stück über die Religionsgruppe der Eziden im Irak aufführen, die sie zuvor schon vielfach besucht hatte. Diese Gruppe geriet 2014 international in die Schlagzeilen, als die Terrorgruppe IS die Eziden massenhaft versklavte und ermordete.


"Wir wollen aber kein Stück über die Zerstörung machen", erklärt die Regisseurin, "sondern über den Aufbau". Leider stünden die Bemühungen um Errichtung einer humanen Gesellschaft mit demokratischen Ansprüchen nicht im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit.


Deshalb sind die Krefelder Schauspieler selber in die Region Shengal gereist, um sich ein authentisches Bild zu machen. "Die Schauspieler sollten einen direkten Zugang bekommen", beschreibt Anina Jendeyko das Ziel der Reise.


So interviewte die Krefelder Gruppe, zu der auch einige deutschsprachige Eziden aus der Türkei gehörten, Aktivisten aus örtlichem Frauenrat und Volksrat, andere Würdenträger, aber auch Verkäuferinnen vom Markt und Passanten unterschiedlichen Alters.


"Das war eine emotionale Erfahrung", bekennt Schauspielerin Vera Maria Schmidt. Sie habe gelernt, in Europa unreflektierte Begriffe wie Freiheit zu hinterfragen. Auch Eva Spott kommen manche Geläufigkeiten der Überflussgesellschaft nun fragwürdig vor: "Wir beten Konsumartikel an."


Mit diesen vielen neuen Eindrücken versehen möchte die Gruppe das Lebensgefühl der Eziden möglichst authentisch auf die Bühne bringen. Anina Jendeyko schreibt das Textbuch, das auch eine durchgehende Handlung haben wird. Zunächst wird das Stück in Mönchengladbach aufgeführt, bevor es Ende des Jahres nach Krefeld kommt. Ebenso gibt die Gruppe Gastspiele in Jendeykos künstlerischer Heimat Basel.

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