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Moers-Festival 2023: Zwischen Mut und Demut

Moers-Festival 2023 : Zwischen Mut und Demut

„Vielleicht ist Moers einfach ein Stadtteil von New York zu Pfingsten“, sagt Festival-Geschäftsführerin Jeanne-Marie Varain mit Blick auf prominente Gäste aus der Weltmetropole des Jazz, die vom 26. bis 29. Mai am Niederrhein gastieren und Moers für vier Tage zur Weltmetropole des Jazz machen. London würde auch gehen – und Teil des afrikanischen Kontinents ist das Moers-Festival sowieso.

Moers gehört ja wie Duisburg zum Niederrhein und gleichzeitig zum Ruhrgebiet und sei damit eine „Schlüsselstelle“, wie Thomas Doepner für den Förderer Land NRW sagt: „Moers bindet den Niederrhein an die Metropolregion.“ Und das Moers-Festival strahlt weit über die Region hinaus, war von Geburt an und ist auch in der 52. Ausgabe so international wie nichts sonst am linken Niederrhein. Ach was, kosmisch, interstellar: Der Mond, der zuletzt das O im Plakat des Moers-Festivals bildete, ist jetzt eine glühende Sonne. Doch die Festivalmacher um Varain und den künstlerischen Leiter Tim Isfort sind weder größenwahnsinnig noch übergeschnappt. „Zwischen Mut und Demut“ wollen sie das diesjährige Programm angesiedelt wissen. Der Festivaltermin zu Pfingsten war ja immer schon ein deutliches Signal für Völkerverständigung.

„Jazzfestival für Musik / Synapsenbildung / Politik / Medienkunst und: Zusammensein!“ ist die 52. Ausgabe, die auf drei Hauptbühnen und überall in der Stadt aufploppenden Schauplätzen (die keine „Neben-“ sind) wieder uneingeschränkt live stattfindet, etwas sperrig, aber treffend untertitelt. Und weil der Begriff Jazz hier so weit wie möglich gefasst wird und man also auf alles gefasst sein muss, aber die Musiker oft selber noch gar nicht genau wissen, wohin die Reise geht, wird das Programm unter die vier Schlagworte „Aufbruch“, „?Afrika“, „Kylwiria“, „Wert“ und Befreiung sortiert.

Aufbruch

 Billy Hart Quartett
Billy Hart Quartett Foto: John Rogers / ECM

Wie immer hat Moers den Anspruch, ein Seismograph für neue wegweisende Entwicklungen zu sein. Unerhörte Musik, wagemutige Klänge und starke Haltungen unterstreichen die internationale Bedeutung des Festivals. Exemplarisch seien hier Eddy Kwon und Sun Han Guild aus den USA, Selventher aus Dänemark oder Neptunian Maximalism aus Belgien genannt.

?Afrika

„Allein die Reduktion der vielschichtigen und reichen Musikkulturen des afrikanischen Kontinents auf den Stereotyp ‘Afrika‘ fordert uns als Verantwortliche des Moers-Festivals heraus“, erklärt Isfort. „Mit ‘?Afrika‘ wird ein jährlicher Schwerpunkt auf wechselnde Länder des Kontinents gelegt, in diesem auf Äquatorialguinea. „Eine schreckliche Diktatur, das Land in der Hand einer Erdölfamilie, die Spanier haben koloniales Erbe hinterlassen …“, zählt Isfort auf, „und aus all dem ragt die Stimme von Nelida Karrs heraus. sie auch aus Äquatorialguinea heraus- und nach Moers zu kriegen, dürfte nicht einfach gewesen sein. Die traditionell starke Verbindung des Festivals zu Musiken und Künstlern des afrikanischen Kontinents bedeutete und bedeutet bis heute auch den Kampf mit Zollbehörden, Schwierigkeiten bei der Visa-Beschaffung, Fluchtgefahr … Doch Moers hat da Erfahrung. Neben weiteren Künstlern aus Äquatorialguinea werden auch Künstler aus dem Senegal und Burkina Faso in diesem Jahr nach Moers kommen.

Neptunian Maximalism
Neptunian Maximalism Foto: Emilie Foudelman
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Kylwiria

Außerdem zelebriert das Moers-Festival den 100. Geburtstag des ungarischen Jahrhundertkomponisten György Ligeti. „Music from Kylwiria“ ist eine international besetzte Auftragskomposition des Moers-Festivals. Auch Ligetis Sohn Lukas kommt mit gleich drei Formationen – „Er muss nur zwischendurch einmal nach Budapest“, so Isfort, „zur Einweihung einer György-Ligeti-Straße“ - und auch der Nachfolger des Jugendprojektes „Moerster Class“ beschäftigt sich in Anlehnung an Ligetis Oper Le Grand Macabre mit dem Jahrhundertkomponisten und heißt: „le petit macabre“.

Wert

Wie wichtig ist uns ein Lieblingssong? Welchen (Stellen-)Wert haben Kunst und Kultur? Was ist der Wert von Musik und Kultur für eine Gesellschaft, für die Menschheit? Das Moers-Festival diskutiert um diese essenziellen Fragen und präsentiert eine Reihe von Künstlern, die sich mit dieser Frage auseinandersetzen, darunter vier Weggefährten des legendären Miles Davis: Kenny Garrett, Billy Hart, Gary Bartz und Marilyn Mazur. Außerdem sehr wertig: der Brite Gavin Bryars und Urgestein Günter Baby Sommer, der dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiert.

Befreiung

Schon 1972 stand Moers für Befreiung. Auch heute geht es darum, sich Klischees zu entledigen, sich freizuspielen und genauso dringend wie damals politisch Bezug zu nehmen. Dafür braucht es Mut. Diesen haben das iranische Tember Ensemble, das Trio Kruglov-Kozhevnikova-Yudanov und die ihre Botschaft laut in die Welt schreienden Deli Girls oder Pharmakon.

Neben weiteren außergewöhnlichen musikalischen Programmpunkten wie dem Stummfilmkonzert des Organisten Wolfgang Seifen (Das Cabinet des Dr. Caligari), Eve Rissers Red Desert Orchestra, den traditionellen Moers-Sessions, diversen Moersify-Guerilla-Konzerten und fahrenden Freejazz-E-Mobilen oder der unkuratierten Bühne Annex gehören das Festivaldorf sowie mittlerweile Workshops, Vorträge und Diskussionen zum Moers-Festival. Zu Ligetis 100. Geburtstag am 28. Mai diskutieren unter anderem Staatsministerin Claudia Roth, Anke Fischer von der Elbphilharmonie und weitere interessante Gästen zum Thema Teilhabe.

Neben den Spielorten auf dem Festivalgelände und in der Moerser Innenstadt wird das 2022 entstandene hybride Format „@thesametime“ fortgeführt: Dabei treten Musiker gleichzeitig auf zwei Bühnen auf und spielen miteinander, während das Publikum vor Ort nur das hört, was es auch sieht. Die beiden Konzertteile werden anschließend zusammengeschnitten und können einige Stunden später in der virtuellen Realität des „Moerslands“ als Ganzes erlebt werden.

„Darum ist die Musik der wichtigste Teil der Erziehung“, zitiert Altphilologe Doepner Platons „Staat“: „Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele und erschüttern sie am gewaltigsten.“ Das nächste Pfingstwunder kann kommen.