1. Die Stadt

Toilettenpapier als Symbol der Krise

Ein etwas anderer Erklärungsversuch : Wie Toilettenpapier zum Symbol der Krise wird

Ausgerechnet Toilettenpapier ist zum Symbol der großen Krise geworden. Ist dies ausschließlich sachlich zu erklären, oder spielen auch andere Gründe eine Rolle?

Niederrhein (red). In den sozialen Medien werden mit den abgebildeten weißen Rollen bereits Scherze getrieben: Toilettenpapier als Symbol der großen Krise.

In vielen Supermärkten sind die Regale mit dem neuerdings so begehrten Produkt leer gefegt. Vielfach findet man auch Anschläge: pro Kunde wird nur eine Lage ausgegeben. Wer eine Lage Toilettenpapier ergattert, ist glücklich. Auf einem Wochenmarkt in Kempen warb ein Stand: wer für mehr als zehn Euro einkauft, bekommt eine Rolle Toilettenpapier als Bonus dazu. In diesen Tagen ein starker Anreiz.

Doch warum gerade Toilettenpapier?

Darauf versucht Dr. Dagmar Hänel eine Antwort zu geben. Die Wissenschaftlerin leitet das Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte im Landschaftsverband Rheinland, das sich der Erforschung der rheinischen Alltagskultur widmet. Zu der Frage des Toilettenpapiers hat sie dem Landschaftsverband ein Interview gegeben.

Darin betont Dr. Hänel, dass das Horten von Toilettenpapier keineswegs eine rheinische oder auch nur deutsche Eigenheit sei, sondern auch in anderen Ländern so verbreitet sei.

Ihre Erklärung: „Toilettenpapier hat eine Funktion, es geht um die Herstellung elementarer Körperhygiene, um Vorstellungen von Reinheit und Sauberkeit. Und diese Vorstellungen sind wichtig für die symbolische Herstellung von Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung als zentrale Elemente unserer Identität.“

Der Körper spiele nun mal eine bedeutende Rolle bei unserer Identitätsbildung. Das zeige sich besonders, wenn Menschen durch Krankheit oder Alter die Kontrolle über ihre Ausscheidungen verlören. Dies löse fast immer Ängste und Identitätskrisen aus.

Hänel: „Toilettenpapier in ausreichenden Mengen zur Verfügung zu haben, kann so zum Symbol für das Bedürfnis nach Kontrolle, Sicherheit, Reinheit und Gesundheit werden“.

Diese Erkenntnis trägt auf psychologische Weise zur Erklärung unsers Bedürfnisses bei, gerade in der Krise, die Unsicherheit schafft, auf ausreichend Hygienemittel zurückgreifen zu können.

Auch in anderen Krisensituationen gab es Artikel mit hohem Symbolwert. Besonders in der Nachkriegszeit, die die ältere Generation noch erlebt hat. Dr. Hänel: „In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren es Nylonstrumpfhosen, die hochgradig symbolisch aufgeladen waren. Sie standen für Schönheit und Erotik, für einen gepflegten weiblichen Körper und für das Bild einer modernen Gesellschaft und Zukunft“. Dies war damals angesichts zerstörter Städte und unsicheren Erwartungen ein hohes Bedürfnis.