1. Die Stadt

Oper Rusalka per Video aus dem Krefelder Stadttheater

Aufführung per Video : Oper-Genuss im Schlabberpulli

Einen kreativen Umgang mit der Corona-Gefahr führte am Sonntagabend das Stadttheater vor: Die Premiere der Oper „Rusalka“ verlief vor leeren Rängen, aber aufgestellter Kamera. Über 600 Zuschauer verfolgten das vertonte Märchen auf den Bildschirmen.

Krefeld. Im Schlabberpulli auf dem Sofa räkeln, eine Tasse duftenden Kaffee neben dem Bildschirm und vielleicht noch ein abendliches Käsebrot in der Hand. Auf solche Weise genießt man selten eine Oper.

Aber die Corona-Krise zeigt, dass man auch ohne Anzug und Abendkleid, ohne das Flair der „Bretter, die die Welt bedeuten“, die Arbeit des Krefelder Musiktheaters würdigen kann.

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Zwar muss man selbstverständlich Einschränkungen in Ton und Akustik hinnehmen, aber dennoch bescherte die perfekte Technik des Krefelder Stadttheaters rund 600 über Youtube zugeschalteten Zuschauern einen ergreifenden Sonntagabend.

Man könnte sagen: ausverkauft, wenn man für das Zuschauen hätte bezahlen müssen.

Der Aufwand des Ensembles machte verständlich, warum das Theater seine Opernpremiere nicht einfach ausfallen lassen wollte. Die ganzen Texte wurde in Tschechisch gesungen, eine Sprache, die die meisten Sängerinnen und Sänger nicht beherrschen. Schließlich hatte Komponist Antonin Dvorak seine Oper „Rusalka“ in seiner Muttersprache schreiben lassen, auf die im Übrigen auch die Musik abgestimmt ist. Mit Hilfe eines Sprachlehrers hat das Ensemble über Wochen die Aussprache trainiert. Bei der Aufführung gelang die Synchronisation zwischen den Solisten und dem Orchester unter Leitung von Diego Martin-Etxebarria hervorragend.

Auch das Bühnenbild von Tatjana Ivschina war beeindruckend. Im ersten Akt zeigt es eine Art abgedunkeltes Kellergewölbe mit hohen kahlen Wänden. Es scheint eine Gefahr von diesem Ort auszugehen. Das Mädchen Rusalka, das mit Vater und Schwestern in diesem Gewölbe lebt, bewegt sich im Rollstuhl durch den Raum. Nur mit Mühe und unter Zuhilfenahme der Arme kann es sich auf einer Treppe hochwuchten.

Den Hintergrund dazu liefert die Geschichte selbst: Rusalka ist im Originaltext eine Meerjungfrau, Tochter des Wassermannes, die statt Beine eine Fischflosse hat. Sie möchte gerne ein Mensch werden, weil sie einen Prinzen liebt.

Regisseur Ansgar Weigner hat diese märchenhafte Story psychologisiert. Bei ihm ist die Wassernixe eine Jugendliche, die sich zur Frau entwickelt und sich von ihrer Familie emanzipieren möchte. Die psychologische Interpretation ist gar nicht weit hergeholt. Denn im Zeitraum der Jahrhundertwende, als die Oper entstand, veröffentlichte der Vater der Psychologie, Sigmund Freud, seine berühmte „Traumdeutung“.

So wie im Märchen die Menschwerdung scheitert, so scheitert in der Krefelder Inszenierung auch die Emanzipation. Die Mutter, die ihre Tochter mit ihrer Liebe erdrückt und sie nicht loslassen will, schlüpft am Ende der Aufführung in ihr Bettchen und nimmt sie fest in die Arme. Die Tochter muss Tochter bleiben.

Das ist überzeugend inszeniert und gespielt. Man zieht aus dieser Aufführung, die die Vorlage aus ihrer Märchenhaftigkeit befreit, großen Gewinn.

Auch dem Team, das die TV-Übertragung ermöglichte, ist Beifall zu zollen. Es überbrückte die Pause nach dem zweiten Akt durch Interviews mit den Künstlern. So erläuterte Sängerin Eva Maria Günschmann, die die Mutter singt und spielt, dass in ihrer Darstellung zwei ursprünglich vorgesehene Märchenfiguren aufgehen, nämlich Hexe und verführerische Fürstin. Das führte dazu, dass Günschmann sowohl die Sopran- wie die Mezzosopranstimme bedienen musste. Eine Anstrengung, die ihr gelungen ist.

Schade, dass am Ende, als der Vorhang fiel, der eigentlich verdiente Applaus ausbleiben musste. Aber wer weiß, wie viele Zuschauer im Schlabberpulli am Laptop einsam für sich dennoch geklatscht haben.

PS. Aus rechtlichen Gründen ist die Übertragung auf Youtube nicht weiter eingestellt. Das Theater selbst hat bis 19. April geschlossen.