1. Die Stadt

Die Künstlerin Rossella Biscotti erhält das 15. Mies van der Rohe-Stipendium: Mies-Stipendium für Biscotti

Die Künstlerin Rossella Biscotti erhält das 15. Mies van der Rohe-Stipendium : Mies-Stipendium für Biscotti

Die Künstlerin Rossella Biscotti erhielt das 15. Mies van der Rohe Stipendium der Stadt Krefeld. Sie überzeugte die Jury durch ihre Auseinandersetzung mit historischen und architektonischen Fragestellungen und deren Übersetzung in Skulpturen und räumliche Situationen.

Mit ihren Installationen, die auf Recherchen, Archivmaterial, Interviews und persönlichen Begegnungen basieren, macht sie gesellschaftliche und politische Themen sinnlich erfahrbar.

Für das Haus Esters entwickelte Biscotti eine ortspezifische Installation, die sich mit der Geschichte der Textilindustrie ebenso auseinandersetzt wie mit den für die Krefelder Seidenfabrikanten Lange und Esters entworfenen Villen von Mies van der Rohe. Den Aufschwung der Textilindustrie begründete im 19. Jahrhundert die Verwendung der Jacquard-Webstühle – eine Erfindung mit weitreichenden Folgen. Joseph-Marie Jacquard, ein französischer Weber, erfand 1805 eine mechanische Vorrichtung, mit deren Hilfe es möglich wurde, jeden Kettfaden am Webstuhl einzeln zu bedienen. Die Jacquard-Webstühle waren die ersten, bei denen Lochkarten verwendet wurden, wodurch nahezu beliebig komplizierte Muster gewoben werden konnten. Mit der Einführung des binären Systems aus 0 und 1 bildet die Lochkarte die Grundarchitektur aller Datenverarbeitung und ebnete damit den Weg zum modernen Computer.

Das Lochkartensystem wiederum entwickelte der amerikanische Ingenieur Herman Hollerith Ende des 19. Jahrhunderts weiter, um Bevölkerungsdaten statistisch zu erfassen. An die Geschichte der Textilherstellung und ihren weitreichenden technologischen und gesellschaftlichen Kontext knüpft Biscottis Neuproduktion für die Kunstmuseen Krefeld an. Sie hat eigens entworfene Stoffe weben lassen, deren Gestaltung wiederum auf der Nutzung und Umwandlung statistischer Daten basiert: Statistiken, die exemplarisch den demographischen Wandel familiärer Strukturen in Biscottis Wohnort Brüssel dokumentieren, wurden in ein abstraktes Zeichensystem übertragen. Das Individuum geht im Kollektiven auf, wird einem rationalen, funktionalen System der Datenerhebung und -verarbeitung unterworfen.

Auch in früheren Arbeiten setzte Rossella Biscotti auf die historische Zeugenschaft von Materialien, die in neue Erzählstrukturen eingebettet wurden – so in der Installation Title One: The Tasks of the Community (2012), die sie für Krefeld neu produziert hat. Der Titel ist dem ersten Abschnitt (Title One) des 1957 verfassten Gründungsvertrages der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) entliehen. Kritisch setzt sich Biscotti mit den widerstreitenden Interessen und Ideologien von Politik, Ökonomie, Umweltschutz und Recycling auseinander. Sie schafft eine post-minimalistische Bodenarbeit aus Bleistücken, während elektrische Kupferkabel den Ausstellungsraum mit einem zusätzlichen Energiesystem versorgen. Blei und Kupfer erwarb die Künstlerin bei einer Auktion des umstrittenen litauischen Kernkraftwerks Ignalina, das als Prestigeprojekt der Sowjetunion galt und auf Druck der EU aus Sicherheitsgründen stillgelegt wurde. Im Laufe der Ausstellung wird eine Publikation erscheinen. Das Begleitprogramm mit Vorträgen und Workshops wird in Kooperation mit dem Deutschen Textilmuseum und dem Haus der Seidenkultur veranstaltet.

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Das Mies van der Rohe-Stipendium der Stadt Krefeld wurde 1979 eingerichtet, um junge, vielversprechende Künstler zu unterstützen und ihnen mit der Preisverleihung in den renommierten Museen Haus Lange und Esters internationale Aufmerksamkeit zu garantieren. In den Jahren 1982 bis 1996 haben zwölf Künstler das Stipendium erhalten. Seit 2009 wird der renommierte Preis wieder regelmäßig vergeben. Drei auswärtige Kunstexperten schlagen hierfür je zwei Künstler vor. In einem zweiten Schritt entscheidet eine separate fünfköpfige Jury über den Gewinner des Stipendiums. Preisträger waren zuvor: 1982 Nicola de Maria // 1983 Norbert Prangenberg // 1984 Hubert Kiecol // 1985 Zvi Goldstein // 1986 Günther Förg // 1989 Jean-Marc Bustamante // 1990 Juan Muñoz // 1991 Mirosaw Baka // 1992 Annette Lemieux // 1993 Christiane und Irene Hohenbüchler // 1995 Stan Douglas // 1996 Dominique Gonzales-Foerster // 2009 Koenraad Dedobbeleer // 2011 Latifa Echakhch

(City Anzeigenblatt Krefeld II)