1. Die Stadt

„Ich bin kein Kraftmeier. Eine Stadt funktioniert nur gemeinsam“

Exklusiv-Interview : „Ich bin kein Kraftmeier. Eine Stadt funktioniert nur gemeinsam“

Im exklusiven Interview mit dem Extra-Tipp schaut Krefelds Oberbürgermeister Frank Meyer auf das Jahr 2019 zurück und wagt einen Ausblick auf 2020.

Was waren für Sie die schönsten Erlebnisse in den zurückliegenden zwölf Monaten?

Meyer Für mich war der Besuch des Bundespräsidenten nicht nur für die Stadt ein herausragendes Ereignis, sondern auch ganz persönlich. Alles Entscheidende in meinem Leben ist irgendwie mit Krefeld verbunden. Wenn man dann als Oberbürgermeister die Ehre hat, dem Staatsoberhaupt die eigene Heimstadt zeigen zu dürfen, dann ist das etwas ganz Besonderes und herausragend. Als Kulturdezernent muss ich sagen, das Bauhaus-Jahr hat mich sehr beeindruckt und ich habe noch einmal viel über Krefeld gelernt, über die jüngere Stadtgeschichte, über die tolle Verbindung aus Industriegeschichte, engagiertem Bürgertum und Kultur. Und da ich sehr viel Spaß an unseren Städtepartnerschaften habe, war das Rosa Jahr mit unseren Freunden aus Venlo auch ein tolles Erlebnis, was nicht nur Menschen aus der Verwaltung, sondern auch die Bürger zusammenbrachte. So stelle ich mir eine gelebte Städtepartnerschaft vor. Ansonsten haben wir viele schöne Sachen in der Stadt gehabt, wie beispielsweise die Neubauten der Schulen. Aus Ideen werden Steine. Das ist etwas Bewegendes. Aber auch die Veranstaltungen auf dem Theaterplatz, so wie der Flachsmarkt, das Mushroom-Festival und andere haben der Stadt gut getan und zeugen von hohem persönlichen Engagement der Bürger.

Krefeld will im kommenden Jahr die Haushaltssicherung verlassen. Wie wichtig ist diese Etappe?

Meyer Es gibt Menschen, die heute in Krefeld leben und 27 Jahre alt sind. Die haben nicht erlebt, dass Krefeld einen ausgeglichenen Haushalt hat. Über ein Vierteljahrhundert hat diese Stadt mehr ausgegeben, als sie eingenommen hat. So etwas ist nicht gesund. Für jede Privatperson oder jedes Unternehmen wäre dies tödlich. Und es ist auch für eine Kommune kein Zustand. Man sieht es ja auch an allen Ecken, wohin das hinführt. Deshalb ist es schon formal wichtig. Zudem bedeutet Haushaltssicherung immer eine Einschränkung. Man darf viele Dinge einfach nicht. Wir müssen zwar nach wie vor vorsichtig sein, es gibt nach wie vor Risiken und wir haben auch nicht unendlich viel mehr Geld. Aber wir haben nun alles zumindest in ein ordentliches Verhältnis gebracht. Ein ganz tolles Beispiel dafür, was nun möglich ist: Wir können Kindern und Jugendlichen unter 18 künftig kostenlosen Eintritt in Museen und die kostenlose Nutzung der Mediothek anbieten. Wir haben im kommenden Haushalt zusätzliche Mittel für Sauberkeit in der Innenstadt, für Klimaschutzmaßnahmen, Radwege und vieles andere drin. Es passieren Dinge, die nicht abstrakt, sondern konkret für die Bürger umgesetzt werden. Diese führen zu einer Verbesserung des Lebens in Krefeld. Alles, worüber wir in Zukunft reden, funktioniert nur, wenn die Stadt auch finanziell die Kraft dazu hat. Ein ausgeglichener Haushalt ist nicht die Kür, sondern die Pflicht. Dieser Stadtrat hat mit einem Defizit von über 80 Millionen Euro angefangen. Jetzt sind wir nicht nur mit der Planung im Plus, sondern haben schon nachgewiesen, dass wir mittlerweile besser als erwartet abschneiden. Ich bin also sehr optimistisch für 2020. Die große Mehrheit des Rates und die Verwaltung haben das gut zusammen hinbekommen. Darauf dürfen wir auch ein wenig stolz sein.

Sie sprechen das gute Miteinander zwischen SPD und CDU im Rat und den gemeinsamen Haushaltsentwurf an. Die Krefelder „Groko“ funktioniert?

Meyer Das ist keine „Groko“. Es gibt keine Koalition im klassischen Sinne. Aber es gibt eine über die ganzen Jahre gemeinsam getragene Haushaltsverantwortung. Und es gibt auch in einigen anderen Punkten Einigkeit zwischen den großen Fraktionen. Es sind nicht immer leichte Gespräche und ich habe großen Respekt vor den beiden Fraktionsvorsitzenden Benedikt Winzen und Philibert Reuters. Auch aus anderen Fraktionen hätte ich mir mehr Offenheit und Kompromissbereitschaft gewünscht.

Thema Bauprojekte: Wie steht es um die Sanierung der Grotenburg und mit den Planungen für eine neue Veranstaltungshalle?

Meyer Wir hatten erst in der vergangenen Woche ein sehr gutes Gespräch mit dem KFC, in dem wir über die Perspektiven in Sachen Mietvertrag etc. geredet haben. Die Arbeits- und Gesprächsgrundlage ist gut, das war ja auch nicht immer so. Im Februar wird es eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Planer, dem Verein und der Stadt geben. Dann wollen wir die Öffentlichkeit darüber informieren, wie es weiter geht - mit der Grotenburg, der Trainingsfrage und der Perspektive. Derzeit ist ein drittligataugliches Stadion geplant. Wenn der KFC aber aufsteigt, müssen wir umdenken.

Zur Veranstaltungshalle: Wir haben einen Investorenwettbewerb beschlossen. Dieser läuft bis Juli 2020. Dann muss man die konkreten Angebote bewerten und verhandeln. Theoretisch könnte die Planungsphase dann im Frühjahr 2021 beginnen. Meine persönliche Meinung ist übrigens, dass die Krefelder Innenstadt mehr Aufenthaltsqualität und Freiflächen braucht, grade mit Blick auf aufgeheizte Sommer.

2020 stellen Sie sich zur Wiederwahl. Könnte „Ihre“ SPD dabei zum Klotz am Bein werden?

Meyer Wir reden über die Krefelder SPD, die, wie ich finde, gut aufgestellt ist. Wir haben viele Dinge in Krefeld aus sozialdemokratischer Sicht gut hinbekommen und werden mit einem starken Team und einem guten Programm bei der Kommunalwahl antreten. Die Umfragewerte aus dem Bund nehme ich wahr, aber eine OB-Wahl ist etwas anderes.

Sie haben sich für Ihre erneute Kandidatur den Hashtag #meyermöglichmacher ausgewählt. Was konkret wollen Sie ermöglichen?

Meyer Ich bin kein Kraftmeier, eine Stadt funktioniert nur gemeinsam. Und ich gehe nicht davon aus, dass eine Partei nach der Wahl die absolute Mehrheit im Rat haben wird. Aber wir wollen vieles möglich machen, die Bürger, Vereine und Institutionen unterstützen. Wir brauchen eine Beteiligungsagentur, die als Schnittstelle zwischen Bürgern, Politik und Verwaltung agieren soll. Genau darum geht es mir: Viel mit Vielen für Krefeld möglich zu machen.

Das Image der Krefelder City ist schlecht. Dies zeigen auch die Umfragewerte. Was kann man dagegen tun?

Meyer Die Innenstadt ist deutlich besser als ihr Ruf. Was nicht bedeutet, dass ich nicht die Probleme sehe, die es nach wie vor gibt. Aber bei vielen Menschen hat sich ein Meinungsbild festgesetzt. Es braucht Zeit, um dies zu ändern. Wir machen eine Menge Dinge besser, haben die City-Streife und Müll-Detektive eingerichtet, den Kommunalen Ordnungsdienst aufgestockt, zusätzliche Mittel für Maßnahmen zur Sauberkeit eingeführt. Auch das entschiedene gemeinsame Einschreiten gegen illegale Wohnungsprostitution und Schrottimmobilien in der Innenstadt. Und es gibt mittlerweile eine sehr gute Gesprächsebene zwischen allen Akteuren. Alle diese Maßnahmen werden ihre Wirkung zeigen.

In wenigen Tagen endet 2019. Wo feiert Krefelds OB Silvester? Und gibt es gute Vorsätze für 2020?

Meyer Das weiß ich noch nicht, es könnte kurzfristig einen Kurzurlaub geben. Und gute Vorsätze für ein Jahr nehme ich mir nie. Wenn ich eine Idee habe, dann fange ich sofort an. Mit Blick auf den Klimawandel will ich mehr auf mein privates Konsumverhalten achten.

Welche Herausforderungen stehen vor Krefeld und seinen Bürgern im kommenden Jahr?

Meyer Wir haben eine Menge Themen, die es abzuarbeiten gilt. Ich hoffe, dass wir eine gute Grundsatzentscheidung für das Badezentrum kriegen. Wir wollen weiter am Klimaschutzpaket arbeiten und das Mobilitätskonzept umsetzen. 2020 wird spannend.