1. Die Stadt

Ein Maskenball in Zeiten der US-Krise

Ein Maskenball in Zeiten der US-Krise

Verdis Erfolgsoper "Ein Maskenball" kommt in eigentümlicher Fassung auf die Krefelder Bühne. Samstag war Premiere.


Amerika lebe hoch. Ein Navy-Matrose schwenkt begeistert eine riesige US-Flagge. Die zahlreichen Umstehenden wedeln dazu patriotisch mit kleinen Stars-and-Stripes-Fähnchen. Nur die schaurige Vodoo-Priesterin mit totenbleich gekälktem Gesicht bringt Horror in die frohe Runde. Sie ahnt das nahende Unheil.
War es der Zufall, der dieser Inszenierung von Verdis Oper "Ein Maskenball" eine doppeldeutige Aktualität verleiht?


Regisseur Andreas Baesler hat die Eifersuchts- und Mordgeschichte, die im Amerika des 17. Jahrhunderts spielt, in das Amerika der 60er Jahre verlegt. Mitten hinein ins Weiße Haus, dem Amtssitz des Präsidenten. Dieser soll ermordet werden, wie einst John F. Kennedy.
Dass gerade in unserer Zeit Amerika nun immer stärker unter Druck gerät, wirtschaftlich durch die aufstrebende Großmacht China und politisch durch Putin und Trump, verleiht der Figur der weiß gekälkten Seherin einen vielleicht ungewollt erzielten Grusel.

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Dieser gefühlt mitschwingenden Aktualität steht eine wohltuend "altmodische" Darstellungsform gegenüber:
Während die Niederrheinischen Sinfoniker unter Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson kraftvoll die herrlich melodische Ouvertüre von Guiseppe Verdi intonieren, bleibt der Vorhang feierlich unten. Das ist im heutigen Theater leider immer seltener der Fall.
Schließlich hebt sich das rote Tuch und gibt den Blick auf die erste Kulisse frei: das fast naturgetreue Oval Office des amerikanischen Präsidenten. Sie füllt die gesamte Bühne aus und verzichtet gänzlich auf die heute so geläufigen Abstraktionen.


Szene für Szene wird die Bühne hinter geschlossenem Vorhang immer wieder umgebaut: ein geheimnisvolles Zimmer mit spiritistischer Sitzung, eine Hinrichtungsstätte mit elektrischem Stuhl, ein Schlafzimmer, ein Tanzsaal. Bühnenbildner Hermann Feuchter und Kostümbildnerin Caroline Dohmen haben für die Zuschauer ein prächtiges Panoptikum stets wechselnder Bilder geschaffen.


Dies ist der Rahmen, in dem Orchester, Sänger und Chor die wunderschönen Kompositionen Verdis zu Gehör bringen. Die Sprache ist italienisch (mit deutschen Übertiteln). Johannes Schwärsky singt den späteren Mörder Renato, Sophie Witte den "Pagen" Oscar und Eva Maria Günschmann die bleiche Wahrsagerin. Zur Premiere am Samstag waren beide Besetzungen der Hauptrolle, des Präsidenten Riccardo, erkrankt. Der walisische Tenor Timothy Richards rettete in letzter Minute die Vorstellung.

Dass er gar nicht mehr richtig hatte proben können, blieb dank seiner Professionalität völlig unbemerkt.
Ein rundum gelungener Opernabend, der keine Langeweile aufkommen lässt; überaus unterhaltsam sowohl für Ohr wie Auge. Das Publikum spendete freundlichen Applaus, teilweise erhoben von den Sitzen.

Weitere Vorstellungen:
21. Januar (18 Uhr); 19. Februar; 21. März; 30. April (16 Uhr); 12., 24. Mai; 29. Juni. Beginn: 19.30 Uhr.
Karten an der Theaterkasse, Tel.: 02151/ 805-125.