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Beuys bei den Seiden-Baronen

Was Sie immer schon über „Jupp“ wissen wollten... : Beuys bei den Seiden-Baronen

Im Jagdschlösschen ist jetzt nach den Lockdown-Lockerungen eine ganz spezielle Beuys-Ausstellung endlich zu sehen. Wir haben sie uns angeschaut - und gestaunt.

Einen solchen Mieter hat das gelb gestrichene Jagdschlösschen am Fuße der Burg Linn selten erlebt: den Mann mit Hut, der gern mit Filz und Fett arbeitet, toten Hasen seine Kunstwerke zeigt und eine Schallplatte gegen die Atombewaffnung besingt.

Doch jetzt ist er eingezogen. Gleich zwei Räume im Erdgeschoss belegt der Scharlatan, wie ihn seine Gegner nannten. Im Obergeschoss residiert nach wie vor die ehrwürdige Frau Rhodius, geb. de Greiff, umgeben von Möbeln und Bildern des Biedermeier. Und unten, gleich links am Eingang, geht es immer noch zu den mechanischen Musikinstrumenten, dieser skurrilen Sammlung aus verflossenen Tagen.

Passt Joseph Beuys, der Vollstrecker einer radikalen Moderne, in das Ensemble romantischer Rückbesinnung, wie es das verträumte Jagdschlösschen bietet?

„Unsere Ausstellung richtet sich an Menschen, die noch wenig mit Joseph Beuys in Berührung kamen“, führt Dirk Senger durch die Säle, die mit Texttafeln, Fotos und Zeitungsausschnitten in Vitrinen, Bildern, Musikbox und künstlerischen Gegenständen bestückt sind. „Sie soll dazu motivieren, sich mit Beuys zu beschäftigen und stellt in diesem Zusammenhang seinen Bezug zu Krefeld und zum Niederrhein heraus“, erklärt der Historiker, der gemeinsam mit Museumsleiterin Dr. Jennifer Morscheiser diese besondere Schau kuratiert hat.

Das Besondere liegt auf dem personalen Schwerpunkt. Nicht die Kunstwerke des Jahrhundertkünstlers sind zu sehen, sondern der Mensch Beuys tritt hervor. Seine Freundschaft zu dem Krefelder Schriftsteller Rainer Lynen, der als „bärtiger Vagabund“ durch die Welt trampte. Seine Lehrtätigkeit mit Studenten, die er höher bewertete als sein Kunstschaffen. Die Verehrung, die seine Studenten ihm über den Tod hinaus bewahrten. Sein musikalisches Gespür, das er auch gern am Klavier unter Beweis stellte. Nicht zuletzt seine Antenne für typisch niederrheinische Sprechformeln, die er sogar auf Band aufnahm. 

Wird für die Kunst selbst auf spezialisierte Museen verwiesen (u.a. das Krefelder KWM und Schloss Moyland), so gerät doch diese kleine, aber feine Ausstellung in ihrer geschmackvollen Einrichtung zu einem ästhetischen Gesamterlebnis. Dafür bürgen vor allem die großflächigen Fotos auf Leinen, die neckisch in die Fenster gehängt sind und dadurch das Sonnenlicht je nach Intensität zu ihrer Durchleuchtung nutzen.

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Passt nun also Joseph Beuys, der Avantgard-Künstler, in das ansonsten so beschauliche Jagdschlösschen? Unbedingt: ja! Denn gerade der Kontrast, den die Ausstellung als zusätzlichen Reiz in den Ort einbringt, unterstreicht andererseits auch die Gemeinsamkeit über die Jahrhunderte hinweg: sowohl die reichen Seidenbarone de Greiff wie der weltberühmte Mann mit dem Hut waren - Krefelder.

Info:

Die Ausstellung ist bis zum 14. November zu sehen. Tickets wegen der Corona-Pandemie nur nach Voranmeldung auf www.museumburglinn.de