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Kempener SO-NET bildet Seniorenbegleiter aus - Poetry-Slammer Lars Ruppel hilft dabei
"Man sagt, das Herz wird nicht dement"

Kempener SO-NET bildet Seniorenbegleiter aus - Poetry-Slammer Lars Ruppel hilft dabei: "Man sagt, das Herz wird nicht dement"
Workshop für die Seniorenbegleiter: ‚Weckworte‘ mit dem bekannten Poetry-Slammer Lars Ruppel. FOTO: SO-NET Kempen
Kempen. Im Spätsommer beginnt in Kempen ein neues Seminar für ehrenamtliche Seniorenbegleiter. Die Helfer des Senioren-Netzwerkes "SO-NET" erhielten vor kurzem prominenten Besuch: Der Poetry-Slammer Lars Ruppel erklärte in einem Workshop, wie man Menschen mit Demenz mit Hilfe von Gedichten erreichen und zur Kommunikation anregen kann.

Lars Ruppel, mehrfacher Deutscher Poetry-Slam-Meister, war einer Einladung des SO-NET gefolgt und leitete einen Workshop für die SeniorenbegleiterInnen und Interessierte.

Der Slam-Poet hat für Menschen mit Demenz, deren Angehörige und für Pflegekräfte das Projekt "Weckworte" entwickelt und schafft durch geeignete Darbietungen von Gedichten einen emotionalen Zugang. Sie werden bei den Senioren trotz ihrer möglichen Defizite im Bereich des Hörens, Sehens und Fühlens und/oder all ihren anderen Einschränkungen, die das Alter so mit sich bringt, verstanden: "Bei Menschen im Alter verblasst die Erinnerung an alte Lieder und Gedichte nie und sie erreichen uns ganz tief im Innern. Man sagt, das Herz wird nicht dement."

Das Ziel der Weckworte, so Lars Ruppel, sei es, bei alten Menschen Erinnerungsprozesse in Gang zu setzen, Freude zu vermitteln, ihnen hundertprozentige Aufmerksamkeit zu schenken, sie zum Mitmachen zu bewegen, ihnen eine lebenswerte Zeit zu schenken und sie aus demenztypischen Symptomen aufzuwecken.

In seinem Workshop erzählte Lars Ruppel kleine Anekdoten, trug eigene Texte vor, schritt durch den Kreis, erfand Geschichten, ließ durch Worte Bilder im Kopf entstehen und rezitierte Gedichte, die er durch Mimik und Gestik gekonnt und humorvoll unterstrich. Er zeigte, wie man mit Demenzerkrankten agieren und auf sie reagieren kann. Dabei seien Stimme (Klangfarbe, Melodie), der Gesichtsausdruck, die Gestik und die eigene Ausstrahlung sehr wichtig. Man müsse authentisch bleiben und die Bedürfnisse seines Gegenübers kennen.

Etwa in dem Gedicht "Der Schmetterling" von Wilhelm Busch: Hier wurden die letzten Worte des Reims weglassen, um ein intuitives Mitsprechen auszulösen. Es wurde auch als Massagegedicht mit Berührungen / Körperkontakt (z.B. Hände halten, Wange streicheln) vorgestellt. Bei den Gedichten "Morgenwonne" von Joachim Ringelnatz oder "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland" leitet jede Zeile eine deutliche Bewegung ein und schafft Ablenkung von einer eigentlich mühsamen Tätigkeit. Es können Zeilen ausgetauscht, Wörter falsch eingesetzt, weglassen, mittendrin abgebrochen oder geändert werden - um eine Kommunikation mit den dementen Menschen anzustoßen.

Nach zwei Stunden Workshop ging es in die Anwendung zur Caritas-Tagespflege der Senioren-Initiative. Lars Ruppel und die Seniorenbegleiter/-innen schenkten den 18 Gästen und Betreuungspersonen durch ihre Vorträge eine vergnügliche Poesie-Stunde. Jeder Einzelne wurde im Publikum von Lars Ruppel mit einem lustigen Vers zu seinem Namen persönlich begrüßt und die Seniorenbegleiter/-innen nahmen zwischen den Tagesgästen Platz. Dann trugen sie abwechselnd die eingeübten Gedichte anschaulich vor.

Es wurde gemeinsam gesungen, geschunkelt und geklatscht. Das Gedicht, "Im Atemholen sind zweierlei Gnaden" von Johann Wolfgang von Goethe, glich einer Yoga-Übung: Es wurde tief ein- und ausgeatmet - eine Entspannungsübung, die beispielsweise vor einer großen Reise zur Anwendung kommen kann. "Das Schlaraffenland" von Fallersleben wurde aufgrund seiner Länge versweise gekürzt und nur das, was gefällt, belassen. Der Satz "Oh wie ist es zum Entzücken - Ei wer möchte da nicht sein" gemeinsam gesprochen. Und zum Schluss wurde Heines Gedicht "Die Loreley" pantomimisch dargestellt und verursachte bei allen ein strahlendes Lächeln.

Das Kempener Senioren-Netzwerk sucht weitere Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen und für andere da sein möchten. Seniorenbegleiter unterstützen ältere, oft alleinstehende Menschen dabei, Alltag und Freizeit so selbstbestimmt wie möglich zu gestalten und sie vor drohender Vereinsamung zu bewahren. Sie besuchen diese Menschen zu Hause oder unternehmen gemeinsam etwas.

Nach der jeweiligen Bedürfnislage begleiten sie die Senioren z.B. zu Veranstaltungen, zum Arzt, zur Bibliothek, zum Sport oder beim Einkaufen. "Die Tätigkeit ist sehr bereichernd für beide Seiten", sagt Ursula Frese vom Netzwerk SO-NET: "Nicht selten erleben die Seniorenbegleiter und die älteren Menschen dabei Gemeinsamkeiten, die verbinden. Über die Grenzen von Alter, Demenz oder körperlicher Einschränkung hinweg finden sich eigentlich immer gemeinsame Vorlieben, ein ähnlicher Sinn für Humor oder geteilte Erinnerungen."

Gegebenenfalls übernehmen die Seniorenbegleiter auch eine Abwesenheitsvertretung für einen pflegenden Angehörigen, der darüber einen Freiraum für sich schaffen kann. Pflege oder Aufgaben im Haushalt werden dagegen nicht übernommen.

Die nächste Ausbildung für Seniorenbegleiterinnen und -begleiter ist für den Sommer / Herbst 2017 geplant. Der Kurs - anerkannt von den Pflegekassen nach §45b SGB XI - umfasst einen 39-stündigen Seminarblock. Er findet an einem Samstag von 10 bis 17 Uhr und an sieben Dienstagen in der Zeit von 18 bis 21.30 Uhr in Kempen statt. Gemeinsam mit den Koordinatorinnen Ursula Frese und Therese Gisbertz-Adam werden die Teilnehmer von versierten Fachleuten geschult.

Themen sind unter anderem die Wahrnehmung von Problemen, die Kommunikation und die Achtsamkeit im Umgang mit älteren Menschen, rechtliche Grundlagen, die Praxis der Pflegekassen und der Umgang mit Demenz und Alterserkrankungen. Ein Praktikum in einer Einrichtung der Altenhilfe über 35 Stunden rundet die Schulung ab.

Darüber hinaus bietet das SO-NET allen ausgebildeten SeniorenbegleiterInnen regelmäßige Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch, kostenlose Fortbildungen zu interessanten Themen und Supervision an.

Ansprechpartner für die Seniorenbegleiter-Ausbildung sind Ursula Frese und Therese Gisbertz-Adam
Sprechstunde: Dienstags von 16 bis 17 Uhr im Büro vom Senioren-Netzwerk (SO-NET),
bei der Senioren-Initiative Altenhilfe Kempen e.V., Wiesenstr. 59
Telefon: 02152 149 412
E-Mail: sonetkempen@t-online.de

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