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Flüchtlinge lernen Verwaltung
Rathaus - Lernfeld für Syrien

Syrer lernen Verwaltung
Erfolgsleiter: Dezernent Marcus Schön und die Integrationsbeauftragte Dr. Tagrid Yousef (beide vorn) freuen sich, wie gut sich die arabischen Praktikanten in der Stadtverwaltung eingelebt haben. FOTO: Müller
Krefeld . Deutsche Städte bereiten Flüchtlinge für den Wiederaufbau der Heimat vor. Auch Krefeld - als einzige Stadt in NRW. Von Ernst Müller

Ali Karkar bringt den deutschen Kollegen gern einen Happen syrischen Essens mit. Das hebt die Stimmung im Büro. Eigentlich ist der 32-Jährige von Beruf Lehrer. Jetzt aber lebt er seit einem Jahr in Krefeld und macht ein Praktikum in der Stadtverwaltung.


"Den Rahmen dazu bildet die Initiative Kommunales know-how für Nahost", erklärt Dr. Tagrid Yousef, Integrationsbeauftragte der Stadt Krefeld. Die Initiative wurde von der Bundesregierung ins Leben gerufen. Flüchtlinge sollen lernen, wie eine Verwaltung funktioniert. Ihr Wissen soll dem Wiederaufbau ihrer Heimat dienen.


Ali Karkar arbeitet derzeit im Amt für Marketing mit; lernt die Probleme des örtlichen Handels kennen und beteiligt sich an Recherchen für Info-Broschüren.


Sieben weitere Stellen konnte Dr. Yousef in der Stadtverwaltung einrichten: in so verschiedenen Ämtern wie Kataster, Soziales, Bauaufsicht oder auch der Volkshochschule.


Beigeordneter Marcus Schön unterstützt die Initiative: "Wir brauchen dringend Fachkräfte", blickt der Dezernent bereits über den eigentlichen Zweck der Initiative hinaus. Wer sich gut einarbeitet und sich qualifiziert, bekommt vielleicht irgendwann auch einen Job; sei es in der Verwaltung oder anderswo.


Die Voraussetzungen dazu sind nicht schlecht. Denn alle sieben Praktikanten bringen von Haus aus akademische Ausbildungen mit. Sie sind Jurist, Psychologe, Architekt, Ökonom, IT-Fachmann, Ingenieur. Zudem haben sie alle in kurzer Zeit sehr gut Deutsch gelernt.


Dennoch ist fraglich, ob das Ziel der Initiative erreicht wird. Denn zurück in die Heimat möchte nur die junge Architektin. Die anderen nicht. "Ich gehe nicht mehr zurück", spricht Abeer Abo Namh für seine Kollegen mit. Ohne Rückkehr dürfte eine Wiederaufbauhilfe aber schwierig werden. Dr. Yousef bringt deshalb Reisen mit zeitlich befristeten Einsätzen ins Spiel. Aber auch solche wären nur möglich, wenn in Syrien ein Regimewechsel anstünde. "Unter Diktator Assad sind die deutschen Strukturen nicht anwendbar", sagt einer der Praktikanten klar.


Ebenso steht die Hoffnung auf Fachkräftezuwachs in Deutschland auf wackligen Beinen. Denn vielfach sind die in Syrien erworbenen Qualifikationen in Deutschland nicht viel wert. Marcus Schön kritisiert zudem die langen Anerkennungsverfahren. Ein ausländischer Mediziner, der bei der Bezirksregierung Düsseldorf seine Unterlagen eingereichte, habe neun Monate warten müssen, bis sie überhaupt erstmal gesichtet wurden. Schön: "Das ist nicht gut geregelt."


Eine Reihe von Kommunen in Deutschland beteiligen sich an dem Projekt "Know-kow für Nahost". Krefeld ist dabei die größte der Städte und zudem die einzige in NRW.