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Bilder für den sozialen Aufstieg

Sprache der Dinge
Repräsentativ: Das Jagdschloss an Burg Linn bietet im Innern eine Sammlung von Möbeln und Bildern des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine Fundgrube für Forschungen über die „Sprache der Dinge“ FOTO: Müller
Krefeld. Was eigentlich sagen die Bilder, Möbel und Kleider, die die Krefelder Museen gesammelt haben, über die Menschen aus, die sie benutzten? Von Ernst Müller

Der "Parvenü" genießt nicht den besten Ruf. In der "besseren" Gesellschaft blickt man gern auf den "Aufsteiger" herunter; der zwar zu Geld gekommen ist, aber die Sitten und Gebräuche der "feinen Leute" doch nicht so richtig beherrscht.


Ein delikates Thema. Jedenfalls in früheren Zeiten, als sich der Bürger noch am Lebensstil des Adels orientierte und der Kleinbürger am Lebensstil des Großbürgers.


Die Kunsthistorikerin Dr. Julia Trinkert war neugierig, wie eigentlich die Bürger im 18. Jahrhundert, als noch der Adel herrschte und das Bürgertum zu gehorchen hatte, ihren sozialen "Aufstieg" beglaubigt haben. Welche Kleidung war nötig, welche Möbel in der Wohnung, welche Bilder musste "man" besitzen, um zu belegen, dass man es "geschafft" hatte?


Dr. Trinkert sprach die Leiter des Krefelder Museums Burg Linn und des Textilmuseums Linn sowie eines Düsseldorfer Museums an. Und siehe da: die Fachleute waren begeistert.


Eröffnet sich doch die Möglichkeit, die Schätze der Krefelder Museen genauer unter die Lupe zu nehmen und zu erforschen.


"Wir haben im Museum viele Möbel, Portraits und Zierrat, von denen wir gar nicht wissen, wo die Objekte herstammen", bestätigt Dr. Christoph Dautermann, stellvertretender Leiter des Museums Burg Linn.
Historikerin Christina Schulte wird sich deshalb daran geben, Kataloge, Tagebücher und auch das Krefelder Jahrbuch "Die Heimat" nach Spuren der Herkünfte zu durchforsten, um die Objekte ihren Besitzern und Zwecken zuordnen zu können.


Auch im Textilmuseum wird fleißig gesichtet und geforscht. So dürfte es interessant sein, in welchen Kleidern sich Krefelder Seidenbarone malen ließen; ob sie den Alltagskleidern entsprachen oder speziell zur Repräsentanz gedacht waren.


Dr. Isa Fleischmann-Heck, stellvertretende Leiterin des Textilmuseums, weist darauf hin, dass solche "Material culture" in angelsächsischen Ländern ein eigenes Studienfach darstelle. In Deutschland führe die Erforschung der "Sprache der Dinge" noch ein Schattendasein.


Deshalb wohl stieß das Forschungsprojekt, an dem auch die Universität Düsseldorf und die Berliner Akademie für Mode und Design beteiligt sind, auf großes Interesse beim Bundesbildungsministerium. Das Ministerium finanziert das Projekt bis 2023.


Über die Ergebnisse werden die Krefelder in einer großen Ausstellung informiert. "Das wird ein Beitrag zum Stadtjubiläum 2023", erklärt Dr. Annette Schieck, Direktorin des Textilmuseums.


Die Ausstellung dürfte allein schon deshalb von Interesse sein, weil das Bedürfnis, den gesellschaftlichen Aufstieg durch Accessoires zu dokumentieren, heute nicht weniger besteht als damals (Autos, Reisen, Kunst, Häuser, Kleidung). Das ist eben allgemein menschlich.