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Musik von der Lochkartenwalze

Musik von der Lochkartenwalze
Musik aus der Vergangenheit: Museumsdirektorin Dr. Jennifer Morscheiser hat sich im Jagdschloss ans Klavier gesetzt, obgleich es nicht nötig wäre: das Pianola von 1910 spielt mit Lochkartenmechanik automatisch. Ihr Stellvertreter Dr. Christoph Dautermann (r.) und die Vorsitzende des Freundeskreises der Museen Burg Linn, Jeannine Moens, halten Stanzplatten alter Musikboxen. Heinz-Peter Beurskens (l.) zieht eine Flötenuhr von 1805 auf, das älteste Stück der Sammlung mechanischer Musikinstrumente. FOTO: Müller
Krefeld . Das Glockenspiel am Jagdschloss in Linn ist endlich restauriert. Das Glanzstück einer verblüffenden Musikaliensammlung. Von Ernst Müller

Jennifer Morscheiser fährt der Rhythmus in die Beine. Fröhlich legt die Direktorin des Museums Burg Linn im Musikalienraum des Jagdschlosses ein Tänzchen aufs Parkett. Tönt aus der alten mechanischen Schrankorgel doch ein flotter Schlager von anno dazumal.


Eigentlich war Dr. Morscheiser aus ihrem Büro im archäologischen Museum ins Jagdschloss geeilt, um dem frisch restaurierten Glockenspiel zu lauschen. "Die Paare, die im Jagdschloss geheiratet haben, waren ganz enttäuscht, dass der Hochzeitsmarsch nicht mehr erklingen konnte", blickte Stellvertreter Dr. Christoph Dautermann auf die glockenlosen Wochen zurück.

Schon zuvor hatte das Glockenspiel geschwächelt: "Einzelne Töne fielen immer wieder aus", bemerkte Dr. Morscheiser. Eine Generalüberholung war geboten.

Nun ertönt es wieder täglich um 11 Uhr und um 16 Uhr sowie bei Hochzeiten. 12 Musikstücke hat das computergesteuerte Ensemble aus 17 Porzellanglocken im Repertoire.

Ursprünglicher Besitzer war übrigens ein Krefelder Uhrmacher. Er hatte sich geärgert, dass seine gusseisernen Glocken im Krieg zwangsweise eingeschmolzen worden waren. Deshalb kaufte er nach dem Krieg in Meißen neue Glocken aus Porzellan. Seit 1997 hängt das Glockenspiel nun im Giebel des Jagdschlosses und erschallt jeden Vor- und Nachmittag.


 Das nötige Geld für die Restaurierung stiftete der Freundeskreis der Museen und der Linner "Nachtwächter" Heinz-Peter Beurskens aus den Einnahmen seiner historischen Ortsführungen.


Die edlen Spender sorgen auch dafür, dass die Sammlung von Drehorgeln, Spieluhren und Grammophonen im Innern des Jagdschlosses stets einsatzbereit bleibt. "Sie halten am besten, wenn sie gespielt werden", unterstreicht Dr. Dautermann die Bereitschaft des Museums, die mechanischen Instrumente auch gern zum Einsatz zu bringen: Jeden Sonntag um 14 Uhr ist öffentliche Führung, bei der die alten Schätzchen in Bewegung gesetzt werden. Die Besucher dürfen dann auch mal an der Drehorgel kurbeln.


Dr. Morscheiser ist selbst ganz begeistert von der seltenen Sammlung. Nach ihrer Tanzeinlage setzt sie sich an das Pianola, ein mechanisches Klavier von 1910. "Ein Vorläufer von Karaoke", lacht sie und singt fröhlich mit, als die innere Mechanik des Instrumentes die Tasten wie von Geisterhand automatisch bewegt und eine Melodie aus der Zeit ertönt, als Hits noch "Gassenhauer" hießen.