| 15.18 Uhr

Lessings Klassiker "Minna von Barnhelm" in Krefeld
Ulk im Treppenhaus

Minna von Barnhelm in Krefeld
Zurück ins 18. Jahrhundert: Minna von Barnhelm (Esther Keil) weiß sich durchzusetzen. Mit einem Finger dirigiert sie den unterwürfigen Wirt (Christopher v.u.z. Lerchenfeld), mit dem anderen ihre Dienerin Franziska ( Denise Matthey). FOTO: Stutte
Krefeld . Gotthold Ephraim Lessings Komödienklassiker "Minna von Barnhelm" wird im Stadttheater aufgeführt. Von Ernst Müller

Von einer Komödie erwartet der Zuschauer, dass sie zum Lachen reizt. Diesen Anspruch erfüllt Anja Panses Inszenierung von Lessings Lustspiel "Minna von Barnhelm" voll und ganz. Die Aufführung ist amüsant.


Allerdings richtet sich die Komik weniger auf die Handlung des Stücks, wie der übersteigerte Ehrbegriff eines stolzen Offiziers geerdet wird, als auf die Inszenierung selbst: Das klassische Schauspiel von 1763 wird tüchtig verballhornt.


Dies geschieht durch eine eigentümliche Umkehrung:

Die bei Lessing jugendliche Minna, die ihren geliebten Bräutigam sucht, wandelt sich auf Krefelds Bühne in eine reife, exaltierte Frau (Esther Keil) mit Hang zum Vamp. Der Bräutigam hingegen, jener stolze und gestandene Offizier, tritt in Krefeld wie ein pubertierendes Jüngelchen (Ronny Tomiska) auf. Als suchte nicht eine Braut ihren verschollenen Bräutigam, sondern eine Mutter ihren verlorenen Sohn. So geht es weiter mit der Umkehrung: Die Tochter des Hotelwirtes, bei dem Minna logiert, ist ein verkleideter Mann (Adrian Linke), ihr adeliger Onkel (Michael Ophelders) eine romantische Sagengestalt. Und die Handlung selbst, die im Rokoko beginnt, endet in der Moderne.  


Das alles ist stets überraschend und witzig. Und nicht einmal aus der Luft gegriffen. Denn Lessing selbst hat die Umkehrung zum Strukturprinzip seines Stücks erhoben:


 Bei ihm wird die Vertreterin des - im 18. Jahrhundert - "schwachen Geschlechtes" zum intellektuellen Kopf und dominanten Antrieb des Stücks; der zunächst stolze Offizier wandelt sich in der Intrige plötzlich zum Bettler, der seinen Untergebenen anpumpt; der ruppige, unmoralische Diener Just entpuppt sich als der einzig verlässliche Getreue, usw.


Das Problem der Inszenierung besteht darin, dass Regisseurin Panse ihre eigene Umkehrungen auf die bereits bestehenden Umkehrungen draufsattelt und diese damit verblassen lässt. Die Aufführung gerät maskenhaft wie ein Comic, trägt aber nichts zur Ausformulierung des Stücks und seiner Charaktere bei.


 Das ist schade. Denn gerade in den Nebenfiguren gelingen blutvolle Zeichnungen: Der Diener Just (Bruno Winzen) gewinnt herrlich prollige Bühnenpräsenz, der Wirt (Christopher v.u.z. Lerchenfeld) geradezu trunken spleenige Verspieltheit. Auch die Kulisse (Hannah Hamburger) ist mit der fast naturalistischen Gestaltung eines Hotelfoyers im Stil des 18. Jahrhunderts eine Augenweide.


Ein Glück, dass Lessing nicht klein zu kriegen ist. Sein Stück "Minna von Barnhelm" ist so genial konstruiert, dass kein Ulk ihm etwas anhaben kann. Und amüsieren - wie gesagt - lässt sich in dieser Aufführung prächtig. Der Beifall des Premierenpublikums fiel denn auch freundlich aus, aber nicht überschäumend.

Weitere Aufführungen: 15., 17., 22., 27., 30. (18 Uhr) Juni. Beginn: 19.30 Uhr. Dauer: 2 Stunden, 30 Minuten (Pause).
Karten an der Theaterkasse: Tel.: 02151/ 805-125.