| 11.22 Uhr

Kleider ohne Korsett
Befreiung der Frauen

Künstlerkleider
Gestern und heute: Museumsdirektorin Katia Baudin (l.) und die Kuratorinnen Dr. Magdalena Holzhey (Mitte) und Dr. Ina Ewers-Schultz präsentieren Künstlerkleider der Jahrhundertwende. Schön anzusehen, aber tragen möchte die langen Kleider heutzutage sicherlich niemand mehr. FOTO: Müller
Krefeld. Die Emanzipation der Frau spiegelte sich um 1900 in einem neuen Typ Kleid. Das Kaiser-Wilhelm-Museum stellt die textile Revolution erstmals in einer großen Schau aus. Von Ernst Müller

"Die Reformkleider wurden zunächst im privaten Bereich getragen", erklärt Dr. Magdalena Holzhey, Ideengeberin der neuen Ausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum. Denn die Frauen trauten sich in der Zeit um 1900 mit dem neuen Kleidertyp erst gar nicht auf die Straße.


Immer noch war in der Damenmode das Korsett maßgeblich. "Darin wurde die Taille auf die Breite zweier Hände verengt", veranschaulicht Dr. Holzhey das Folterinstrument. Folge: "Die Frauen wurden zur Skulptur". Das entsprach ihrer Stellung in der Gesellschaft.


Es waren verblüffenderweise bekannte Maler wie Gustav Klimt und andere, die eine Revolution herbeiführten. Sie entwarfen für ihre Frauen neu geschnittene Kleider, ohne Korsett, luftig zu tragen, farbig, verziert mit geschwungenen Ornamenten.


Diese "Künstlerkleider" thematisierte das Kaiser-Wilhelm-Museum schon früher einmal: und zwar im Jahre 1900 in seiner ersten Ausstellung, gleich nach seiner Eröffnung. Mit gigantischem Erfolg. Überall in Deutschland schauten Künstler, Frauen und vor allem Textilfabrikationen auf die damals aufsehenerregende Schau in Krefeld. Die Kleiderkunst gewann eine emanzipatorische Dimension.


 "Unsere heutige Ausstellung knüpft an die damalige Ausstellung an", erklärt Dr. Holzhey. Zu sehen sind verschiedene Künstlerkleider, fantasievoll bemalte Stoffe, alte Fotografien, teils sogar in Farbe, ein kolorierter Originalfilm von 1905, Ankündigungsplakate von Revuen der Jahrhundertwende und vor allem die gezeichneten Entwürfe der Kleiderkünstler.


"Die Besucher werden staunen, dass wir in unserem Museum so viele Objekte aus der Zeit von 1900 bis 1914 haben", hebt Museumsdirektorin Katia Baudin stolz hervor. "Zusätzlich zeigen wir Leihgaben aus ganz Europa", ergänzt Dr. Ina Ewers-Schultz, die die Ausstellung mitkonzipiert hat.


Besonders spannend an der Ausstellung ist die Überlappung von Kunst, Mode und Politik. Die Jahre um 1900 sind eine Aufbruchszeit. Der Beginn der Moderne. Ein neues Bewusstsein von Befreiung, natürlicher Lebensart und Schönheit bricht sich Bahn. In der Kunst dominiert der "Jugendstil" mit geschwungenen eleganten Formen. In der Malerei wird Nacktheit zur Schau gestellt. Die Mode zieht mit weiten, bequemen Kleidern nach. Nun ist es auch nicht mehr weithin, bis Frauen das politische Wahlrecht erhalten.


Begleitend zur Ausstellung haben Dr. Holzhey und Dr. Ewers-Schultz einen über 280 Seiten dicken Katalog herausgegeben. Er besticht nicht nur durch seine brillanten Farbabbildungen der Ausstellungsstücke, sondern darf auch textlich als Standardwerk zum Thema gelten. Der Katalog (Hirmer-Verlag) trägt den selben Titel wie die Ausstellung: "Auf Freiheit zugeschnitten."

Die Ausstellung läuft bis 24. Februar 2019.
Öffnungszeiten: Täglich (außer montags) 11 - 17 Uhr.