| 15.06 Uhr

Was Migranten tragen
Psychologie der Kleidung

Kleidung und Migration
Kollegialer Besuch: Dr. Annette Schieck (r.) zeigt den Wissenschaftlerinnen aus Griechenland und Dänemark ihre aktuelle Trachtenausstellung im Deutschen Textilmuseum. Die Kolleginnen sind nach Krefeld gekommen, um hier gemeinsam ein ganz neues Forschungsprojekt zu starten: über die Bedeutung der Kleidung von Flüchtlingen im Zuge der derzeitigen Migrationswelle nach Europa. FOTO: Müller
Krefeld . In Krefeld startet ein internationales Projekt zur Kleidung von Flüchtlingen. Es greift das Thema Migration aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf.  Von Ernst Müller

"So viele Besucher am ersten Tag haben wir noch nie gehabt", frohlockt Dr. Annette Schieck, Leiterin des Textilmuseums in Linn. Rund 1200 Menschen wollten am Sonntag die aktuelle Ausstellung über europäische Trachten sehen. Ein absoluter Rekord.


Unter den Gästen auch Textilexpertinnen aus Griechenland und Dänemark. Denn sie starten in diesen Tagen zusammen mit dem Krefelder Textilmuseum ein ganz neuartiges Forschungsprojekt, ebenfalls von europäischer Bedeutung: Die Aussagekraft der Kleidung, die Flüchtlinge tragen.


"Was sagt die Kleidung der Flüchtlinge über ihre persönliche und politische Geschichte, die Bedingungen ihrer Flucht, über ihre Träume und Einstellungen und den Grad ihrer Integration aus"?, fasst Marie-Louise Nosch aus Kopenhagen die Stoßrichtung zusammen.


Kurz gesagt: es geht um eine psychologische Ausdeutung der Kleidung. Denn Kleidung wärmt nicht nur. Die Art und Weise der Bekleidung ist eine nichtsprachliche Aussage über den Träger und seinen sozialen Hintergrund.


Textilwissenschaftlerin Dr. Uta-Christiane Bergemann lässt ihre Studenten an der Düsseldorfer Akademie für Mode und Design ausschwärmen, um Migranten nach ihrem Verhältnis zu ihrer Kleidung zu befragen.


Die Ergebnisse der Untersuchungen möchte Dr. Schieck in einer Ausstellung des Linner Textilmuseums präsentieren. "Es wird eine Wanderausstellung", ergänzt Gitte Engholm vom Nationalmuseum Kopenhagen. Sie soll nach und nach bei den beteiligten Instituten und Museen in Dänemark und Griechenland gezeigt werden.


Das wird in ca. drei Jahren so weit sein. Dann nämlich läuft die Förderung des Forschungsprojektes durch die EU-Kommission aus. Rund 188.000 Euro lässt sich die EU das Projekt kosten. Schließlich ist Migration eines der Top-Themen im aktuellen Europa. Und das Projekt greift es aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf.


Dr. Schieck hat zum Start des Projektes ihre Kolleginnen aus Griechenland und Dänemark in Krefeld empfangen. Künftig wollen sich die Wissenschaftlerinnen jedes Vierteljahr treffen, jeweils in einem der drei Länder. Bei den Treffen tragen sie ihre jeweiligen Arbeitsergebnisse zusammen.


Am Ende werden wir mehr wissen über die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Wir werden aber auch mehr wissen über die Bedeutung von Kleidung, über die Emotionen, die mit ihr verknüpft sind. Auch über unsere eigene.


Übrigens: Kleidungsstücke von deutschen Flüchtlingen am Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihrer jeweiligen persönlichen Bedeutung für die Träger oder ihre Nachkommen werden ebenfalls in die Untersuchung einbezogen.

 

 

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