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Neues Ballett von Robert North
Drei Geschichten an einem Abend

Neues Ballett von Robert North: Drei Geschichten an einem Abend
Scheinbare Idylle: Der Komponist Leos Janácek (Alessandro Borghesani) arbeitet in seiner Studierstube, während die Schwalben (Yoko Takahashi, Irene van Dijk) das Haus auf der Waldeslichtung umkreisen. Vorboten eines tragischen Schicksals. FOTO: Stutte
Krefeld . Das Stadttheater präsentierte am Samstag den neuen Ballett-Abend von Chefchoreograph Robert North. Von Ernst Müller

Premierenstimmung im Stadttheater. Die Erwartungen sind hoch, denn Robert North erfreut das niederrheinische Publikum seit Jahren durch geradezu poetische Ballettabende. Das ist seine persönliche Note.


Diesmal ist der Abend durch zwei Pausen unterteilt. Die Zuschauer bekommen drei Einakter zu sehen, die inhaltlich keine Verbindung haben.


Der erste Teil heißt "Nachtvariationen". Die Tanzcompagnie verkörpert darin die Träume eines jungen Schlafenden. Mal scheinen sie lieblich, mal bedrohlich. Die Bühne bleibt bis auf die Tänzer leer. Kulisse wird durch farbiges Licht ersetzt. Im Hintergrund leuchtet ein abstraktes Gemälde auf, das sich zunehmend verändert.

Die äußerliche Kargheit gibt dem Pianisten André Parfenov viel Raum. Vom Orchestergraben aus, sichtbar auf Höhe der Bühne platziert, füllt er den Saal mit seiner selbst komponierten Musik geradezu fühlbar aus. Ganz allein, ohne Unterstützung sonstiger Instrumente. Das Publikum wird ihn beim Applaus nach dem Akt besonders würdigen. Zugleich steigt die Ahnung auf, dass North für diesen Abend eine optische Steigerung in petto hält.


Diese beglaubigt sich im zweiten Teil mit dem Titel "Für meine Tochter". Bühnenbildner Andrew Storer hat einen dichten, romantischen Wald geschaffen, in dessen Lichtung eine Hütte steht. Fast wie im Märchen. Vor dieser Kulisse stellt das Ensemble tänzerisch die dramatische Geschichte vom frühen Tod eines Mädchens dar. Das Dunkel des Waldes entspricht dem drohenden Lebensende.

Die farbigen Kostüme in osteuropäischer Anmutung hellen die Szenerie auf. André Parfenov spielt dazu die Musik des mährischen Komponisten Leos Janácek, der in Gestalt von Tänzer Alessandro Borghesani selbst auftritt und um dessen Tochter es sich handelt. Die Zuschauer sind tief bewegt von der Emotionalität, die die Tänzer vermitteln, und spenden reichlich Applaus.


Das Prinzip der Steigerung gelangt im dritten Teil zum Höhepunkt. Diesmal kommt die Musik vom Band. Es ist die hämmernde Rhythmik des "Boléro" von Maurice Ravel. Entsprechend stechen harte Bewegungen in der Choreographie hervor. Die deutliche Unterscheidung zwischen der Männer- und der Frauengruppe gibt dem Tanz einen spannungsreichen Antagonismus. Von Mal zu Mal wird er feuriger, präzise abgestimmt auf die Klänge der Musik. Im Effekt mitreißend und atemberaubend.


Als der letzte Akkord verklungen ist, erheben sich die Zuschauer nach und nach von den Sitzen und klatschen sich die Hände wund. Der Vorhang geht gleich viermal auf, weil der Applaus nicht verebben will. Ein starker Abend.